BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

Kreisverband Emden

Wahlkampf in Emden: fünf Muster, die immer wiederkehren

Am 13. September wählt Emden einen neuen Stadtrat. In den Wochen davor begegnen Ihnen online Beiträge, die vor allem Empörung auslösen sollen. Ein Foto ohne Zusammenhang. Eine Zahl ohne Quelle. Ein Vorwurf ohne Beleg.
Nicht jeder zugespitzte Beitrag ist Manipulation. Wahlkampf ist Zuspitzung, selten, aber auch bei uns. Es geht um ein paar Muster, die immer wiederkehren. Wer sie einmal benannt bekommen hat, erkennt sie danach. Fünf davon stehen hier. Zu jedem gehört eine Frage, die Sie in einer halben Minute beantworten.

Ein Bild, das woanders herkommt

Ein Video zeigt eine große Menschenmenge, darunter steht, das sei eine Demonstration von gestern. Das Bild ist echt, aber der Zusammenhang ist es nicht. Hier zwei Fälle (allerdings nicht aus Emden): Am Tag vor der Bundestagswahl 2025 kursierte auf TikTok ein Video, das eine Großdemonstration für die AfD in Köln zeigen sollte. CORRECTIV hat es geprüft. Ergebnis: „Die Aufnahmen stammen von einer Demonstration gegen Rechtsextremismus vom 17. Januar 2024."
Ein Jahr später, keine 24 Stunden nach der Amokfahrt in Leipzig am 4. Mai 2026, verbreitete ein Fan-Account vier Videos. Sie sollten 50.000 Menschen bei einer Demonstration für die AfD zeigen. Die Bilder stammten aus Nürnberg, München, Kassel und Hamburg. Die Tonspur war nachträglich unterlegt. CORRECTIV schreibt dazu: „Am 4. Mai gab es keine Demonstrationen in Leipzig, wie uns die Polizei bestätigte."

Das Muster heißt Dekontextualisierung. Es braucht keine Fälschung, nur ein falsches Datum.

Prüffrage: Woher stammt das Bild wirklich?
Rechtsklick auf das Bild, „Mit Google Bilder suchen". Wenn dasselbe Foto seit zwei Jahren im Netz steht, ist es nicht von gestern.

Ein Schuldiger für ein Problem mit vielen Ursachen

In Emden fehlen bezahlbare Wohnungen. Dafür kommen mehrere Gründe zusammen: Baukosten, Zinsen, auslaufende Sozialbindungen, Mangel an verfügbaren Grundstücken. Über jeden davon kann man streiten. Wir tun das im Stadtrat auch.
Wer stattdessen eine einzelne Gruppe als Ursache benennt, hat das Problem nicht erklärt. Er hat es weitergereicht. Die immer gleichen Sündenböcke zu benennen, ist in Experimenten als eigene Manipulationstechnik untersucht worden.

Prüffrage: Wird hier eine Ursache erklärt oder nur jemand beschuldigt?
Wenn im Beitrag keine Zahl, kein Beschluss und kein Datum vorkommt, ist es meistens das Zweite.

Entweder das eine oder das andere

Windräder oder Arbeitsplätze. Klimaschutz oder bezahlbares Wohnen. Hafen oder Naturschutz. Solche Gegensatzpaare wirken einleuchtend, weil sie eine Entscheidung leicht machen.
Emden ist aber das Gegenbeispiel: Wind, Hafen und Hochschule gehören hier zusammen. An ihnen hängen die Arbeitsplätze der nächsten Jahre. Wer nur zwei Möglichkeiten anbietet, hat sich für eine bereits entschieden. Unter den untersuchten Manipulationstechniken ließ sich diese in Experimenten am deutlichsten nachweisen.

Prüffrage: Gibt es wirklich nur diese zwei Möglichkeiten?
Meistens fällt einem innerhalb von zehn Sekunden eine dritte ein.

Provokation und die Empörung danach

Reichweite kann in soziale Medien teuer erkauft werden. Oder man spitzt einen Beitrag ist so zu, dass Widerspruch sicher ist. Der Widerspruch kommt und daraus wird der nächste Beitrag. Die Aufregung ist dabei gewollt, sie erzeugt die ansonsten teure Reichweite. Das ist eine Beobachtung (nicht nur) aus der politischen Praxis. 

Prüffrage: Was war zuerst da, und wem nützt die Aufregung?
Manchmal ist die beste Antwort auf einen Beitrag, ihn nicht weiterzutragen.

Über die Leute reden statt über die Sache

Wenn ein Anliegen schwer zu widerlegen ist, wird über die Leute geredet, die es vortragen. Dafür gibt es zwei Kniffe, die sich bei genauem Blick aber eigentlich widersprechen.
Der erste macht die Leute gefährlich. Aus Nachbarinnen und Nachbarn werden Extremisten, Störer, Krawallmacher. Der zweite macht dieselben Leute unbedeutend. Dann sind sie eine Randgruppe, angeblich bezahlt, angeblich ohne etwas Besseres zu tun.
Beides steht oft kurz nacheinander, ohne dass es auffällt. Dieselben Menschen sind dann gleichzeitig zu gefährlich und zu unwichtig. Der Widerspruch stört niemanden. Beide Etiketten leisten dasselbe. Sie ersparen das Gespräch über das Anliegen.

Untersucht ist das an der Berichterstattung über Proteste, seit den 1980er Jahren. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung hat 2017 sieben deutsche Großdemonstrationen ausgewertet. Es fand dabei zwei Gegensatzpaare: „Normale Bürger vs. Randgruppe" und „Friedfertigkeit vs. Gewalt". Legitim erscheint danach der Protest, der weder dem Klischee der „Berufsdemonstranten" entspricht noch dem der „Randalierer". Das Repertoire bleibt dasselbe, gleich wer sich daraus bedient.

Der persönliche Angriff anstelle des Sacharguments gehört auch zu den fünf Manipulationstechniken einer Studie in Science Advances von 2022. Wer die Technik einmal erklärt bekommen hat, erkennt sie danach deutlich besser.

Prüffrage: Geht es hier um das Anliegen oder um die Leute?
Wenn Sie nach dem Beitrag wissen, wer die Demonstrierenden angeblich sind, aber nicht, wogegen sie demonstriert haben, war genau das der Zweck. Sind dieselben Leute erst gefährlich und dann unbedeutend, erübrigt sich die Frage.

Die Muster kommen selten allein

Im Wahlkampf treten sie als Abfolge auf. Ein Ablauf, wie er online immer wieder zu sehen ist: Am Anfang steht ein Termin, also zum Beispiel ein Stand, eine Kundgebung oder eine Sitzung. Dort wird zugespitzt oder provoziert, bis jemand reagiert und nur diese Reaktion wird gefilmt.
Dann kommt der Beitrag und er zeigt einen Zusammenschnitt und spricht von Extremisten, die stören wollten. Das ist die schwere Behauptung. Sie steht für sich. Darunter, scheinbar unabhängig davon, steht ein Kommentar. Der sagt nichts über Extremismus. Der redet über die Leute. Die seien ohnehin bekannt, hätten nichts Besseres zu tun, seien immer dieselben. Der Widerspruch fällt dabei nicht auf. Dieselbe Gruppe ist oben zu gefährlich und unten zu unwichtig.

Die Trennung ist der eigentliche Kniff. Wer den Beitrag kritisiert, hört, den Kommentar habe jemand anders geschrieben. Wer den Kommentar kritisiert, hört, das stehe doch gar nicht im Beitrag. Zusammen ergeben beide ein Bild, für das niemand geradestehen muss. Diese Verteidigung taugt aber nicht! Parteien sehen die Kommentarspalten unter ihren eigenen Beiträgen üblicherweise als ihre Sache an. Für uns gilt es ebenso: Was unter unseren Beiträgen stehen bleibt, verantworten wir mit. 

Jeder Schritt für sich wirkt harmlos oder wenigstens diskutabel. Die Wirkung entsteht aus der Reihenfolge. Wer sie einmal im Zusammenhang gesehen hat, erkennt sie beim nächsten Mal schon am ersten Schritt.

Die Prüffrage dazu ist einfach. Gehören Beitrag und Kommentar zusammen?
Wenn ja, lesen Sie beides als einen Text.

Warum wir das aufschreiben

Diese Muster gehören keiner Partei allein. Wir schreiben sie trotzdem jetzt auf, weil zur Kommunalwahl 2026 in Emden erstmals die AfD für den Stadtrat antritt. Der Niedersächsische Verfassungsschutz führt die AfD Niedersachsen seit dem 17. Februar 2026 als „Beobachtungsobjekt von erheblicher Bedeutung" nach § 6 des Niedersächsischen Verfassungsschutzgesetzes. Das Verwaltungsgericht Hannover hat den Eilantrag der Partei dagegen am 1. Juni 2026 abgelehnt. Der Beschluss gilt vorläufig. Er ist nicht rechtskräftig, das Hauptsacheverfahren läuft noch.

Auf Bundesebene ist die Lage anders. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte die AfD im Mai 2025 als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Das Verwaltungsgericht Köln hat ihm das im Februar 2026 vorläufig (!) untersagt. Bundesweit gilt die Partei damit weiter als Verdachtsfall.

Die fünf Prüffragen gelten auch für unsere eigenen Beiträge. Wenn Ihnen bei uns etwas auffällt, das einem dieser Muster folgt, schreiben Sie uns. Wir korrigieren lieber, als recht zu behalten.

Was Sie tun können

Teilen Sie nichts, bevor Sie es geprüft haben. Zwei Minuten reichen für die Rückwärts-Bildersuche und einen Blick auf das Datum. 
Wer einen guten Staat, eine gute Kommune will, muss seine Verantwortung als Bürger:in auch wahrnehmen und nicht nur die Posts der anderen Parteien hinterfragen.

Fragen Sie nach, wenn Ihnen etwas über uns unterkommt, das nicht stimmen kann. Wir antworten auf jede Nachricht.

Geben Sie die fünf Prüffragen weiter. Sie wirken am besten, bevor man den Beitrag sieht, für den man sie braucht.

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